KOMMENTAR
KI im Unternehmen: jenseits des Hypes
Ein Kommentar von Torben Bues
Geschäftsführer · TBCS IT GmbH
Kaum ein Thema wird derzeit so laut beworben wie KI im Unternehmen. Auf Instagram, TikTok und LinkedIn versprechen selbsternannte Heilsbringer, sie hätten über Nacht ganze Abteilungen wegautomatisiert oder machten neunzig Prozent der Belegschaft überflüssig. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Künstliche Intelligenz ist ein echter Hebel. Falsch ist nur das eine Wort, das diese Versprechen verkauft – sofort.
Dass KI Prozesse infrage stellt, beschleunigt, sicherer und besser macht, steht außer Frage – kein ernsthafter IT-Security-Experte würde das bestreiten, und wir bei TBCS arbeiten täglich damit. Falsch und gefährlich ist die Behauptung, KI löse heute jedes Problem in jeder Organisation, am besten innerhalb eines Tages. Das ist kein Fortschritt, das ist Verkaufsrhetorik. Wer diesen Beruf ernst nimmt, weiß: Bevor ein einziger Prozess sauber und reproduzierbar läuft, vergehen Tage, Wochen, oft Monate.
„Wer verspricht, über Nacht halbe Belegschaften zu ersetzen, hat noch nie einen einzigen Prozess sauber in Produktion gebracht.“
Shit in, shit out: ohne Datenqualität kein Ergebnis
Der erste blinde Fleck ist die Datenbasis. KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Auf einer schlechten, unstrukturierten Datenlage entstehen keine verlässlichen Prozesse, sondern automatisierte Fehler in höherer Geschwindigkeit. Hausaufgabe Nummer eins ist deshalb, die eigenen Geschäftsprozesse, Bedürfnisse und Abhängigkeiten zu verstehen. Erst daraus entsteht eine belastbare Entscheidungsgrundlage, wo welche Art von KI im Unternehmen überhaupt sinnvoll ist – und wo nicht.
Woran Sie die Scharlatane erkennen
Den seriösen Berater vom Blender unterscheidet nicht die Begeisterung, sondern der Nachweis. Stellen Sie vor jeder Zusammenarbeit ein paar einfache Fragen – die Antworten trennen schnell die Spreu vom Weizen. Misstrauen Sie vollmundigen Versprechen: Wer „über Nacht den ganzen Arbeitsalltag automatisiert“ wirbt, hat den tatsächlichen Aufwand nie selbst getragen. Fragen Sie nach Qualifikation – welche Ausbildung, welche Zertifikate, welche nachweisbare Erfahrung in Prozessen und IT-Security? Fragen Sie nach Haftung und Versicherung: Wie hoch ist der Anbieter abgesichert, wenn seine erste Automatisierung die halbe Produktion lahmlegt und einen Schaden auslöst? Das gehört ins Risikomanagement, nicht in die Fußnote.
„Den seriösen Berater vom Blender unterscheidet nicht die Begeisterung, sondern der Nachweis.“
Klumpenrisiko Mensch: Was, wenn der Wunder-Integrator morgen ausfällt?
Eine Frage entlarvt fast jedes Bastelprojekt: Was passiert, wenn der gefeierte KI-Integrator morgen ausfällt? Gibt es eine Dokumentation? Ist nachvollziehbar, was wie automatisiert wurde? Lässt sich das prüfen, übergeben und weiterbetreiben? Wo die Antwort „nein“ lautet, hängt ein ganzer Geschäftsbereich am seidenen Faden einer einzigen Person. Genau deshalb sind Dokumentation, Versionierung und Redundanz keine Bürokratie, sondern Überlebensversicherung.
So gelingt KI im Unternehmen – Schritt für Schritt
Richtig eingeführt, ist KI im Unternehmen ein enormer Gewinn – mit autonom laufenden Teilprozessen, abgesichert über klare Sicherheits-Gateways. Auch wir bei TBCS gehen diesen Weg, Schritt für Schritt und sauber dokumentiert. Der Unterschied zum Blender liegt allein in der Methode:
01 Prozesse verstehen — Geschäfts- und Unterstützungsprozesse, Bedürfnisse und Abhängigkeiten vollständig aufnehmen.
02 Datenlage schaffen — Datenqualität sichern – ohne gute Daten kein gutes Ergebnis.
03 Entscheidungsgrundlage — Festlegen, wo welche Art von KI echten Nutzen bringt und wo nicht.
04 Security zuerst — Sicherheits-Gateways, Zugriffe und technisch-organisatorische Maßnahmen aufbauen, bevor Echtdaten fließen.
05 In Testumgebungen pilotieren — Konkrete Teilprozesse in Demo- und Testumgebungen erproben und messen.
06 Klein, reproduzierbar, dokumentiert — Erst wenn ein Prozess zuverlässig und nachvollziehbar läuft, skalieren – mit Plan B in der Tasche.
Plan B: Machen Sie sich nicht blind abhängig
Zum Schluss eine Warnung, die im Hype gern verschwiegen wird: Viele der großen KI-Anbieter arbeiten bislang defizitär und finanzieren sich über Kapitalrunden. Die Wirtschaft macht sich gerade in hohem Tempo von diesen Unternehmen abhängig. Sollte einer der großen Anbieter die Erwartungen nicht erfüllen oder wegbrechen, können ganze Ketten von KI-Diensten ins Wanken geraten.
Mit dieser Sorge steht der Mittelstand nicht allein. Oliver Michel, Vorstand der tokentus investment AG, warnt in seinen Interviews bei Der Aktionär TV wiederholt vor der wachsenden Abhängigkeit von wenigen US-Tech-Konzernen und verweist auf eine Überbewertung der US-Märkte, die er mit der Dotcom-Blase vergleicht, die um die Jahrtausendwende platzte. Ob die Parallele am Ende trägt oder nicht – die Lehre für Ihr Unternehmen ist dieselbe: Klumpenrisiken gehören gestreut, nicht ignoriert.
„Wer seine Kernprozesse vollständig auf einen einzigen Dienst stützt, baut auf Sand.“
Redundanz, Ausstiegsszenarien und ein echter Plan B gehören deshalb von Anfang an in jede KI-Strategie. Wer das beherzigt, nutzt die Chancen der Technologie, ohne sich erpressbar zu machen.
Wie heikel es im Detail wird, sobald sensible Daten und geschützte Berufsgeheimnisse ins Spiel kommen, zeige ich am konkreten Fall im zweiten Teil dieser Serie – „KI in der Steuerkanzlei: warum die DATEV-Anbindung an Claude kein Bastelprojekt ist“ –, der im Juli erscheint. Wie KI schon heute selbst zur Angriffsfläche wird, lesen Sie in unserem Beitrag zu versteckten Angriffen auf KI-Tools. Das Fazit bleibt: KI ist großartig – aber man muss sie richtig anwenden.
KI mit Konzept statt mit Bauchgefühl
Vertrauen Sie nicht auf vollmundige Versprechen, sondern auf nachweisbare Qualität, Zertifizierung und Erfahrung. Wir analysieren Ihre Prozesse, schaffen die sicherheitstechnischen Grundlagen und führen KI dort ein, wo sie echten Nutzen bringt – reproduzierbar und mit Plan B.